Mal Kreisklasse, mal Weltklasse. Diese Redewendung wird häufig benutzt – doch was verbirgt sich dahinter? Am Beispiel der Ergebnisse von Werder Bremen riskiert Diplom-Psychologe Markus Brand bei den 11Freunden einen Blick auf dieses Phänomen.
Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass Leistungsschwankungen menschlich sind. Konstant überragend oder ständig unterirdisch zu spielen ist also eher unnormal. Doch so große Schwankungen innerhalb kurzer Zeit sind auch wieder auffällig. Wie kann es also dazu kommen?
Werder ist eine Mannschaft, die seit Jahren mit fast gleichem System und nur punktuell verändertem Kader antritt. Im stark von einer Nummer 10 geprägten Spielsystem wechseln mit Herzog, Micoud und Diego zwar alle paar Jahre die Namen, doch es bleibt die Abhängigkeit von diesem einen Spieler. Gepaart mit weiteren kreativen Offensivspielern führt das dazu, dass bei gutem Verlauf häufig das gewünschte Ergebnis eintritt. Und das gewünschte Ergebnis bei einer Mannschaft, die eher erfolgsuchend als misserfolgvermeidend ist, heißt, vorne so viele Tore schießen, dass es egal ist, wie oft sie selbst Anstoß hat.
Hinzu kommt, dass das Werderteam extrem stark eingespielt, nahezu perfekt in festgelegten Spielzügen und damit Routinen ist. Bei zwanzig gelungenen Ballstafetten landen zwangsläufig zwei bis drei (an guten Tagen auch fünf bis sieben) im Netz. Die einzelnen Spieler spielen häufig zusammen, eine gesunde Hierarchie im Team ist gegeben, es wird wenig rotiert, und wenn die Maschine läuft, dann ist sie kaum aufzuhalten. Soweit die gute Nachricht für Werder, alle Werder-Fans und natürlich den Rest derjenigen, die gerne Eishockeyergebnisse auf Fußballanzeigetafeln lesen.
Doch psychologisch gesehen, steht sich Werder mit seinen Stärken selber im Wege. Denn was passiert, wenn der Gegner nicht bereit ist, den Bremern eine Bühne für die Kreativität und Prozessroutinen zu geben? Das Ergebnis sehen wir, wenn nicht spiel- und offensivstarke Mannschaften wie Hoffenheim und Bayern die Gegner sind, sondern die Teams, die ein 0:0 als Erfolg werten.
Man könnte auch sagen: Werder ist zu unflexibel in seinem Spielsystem, um kontinuierlich in Deutschland und erst Recht in Europa an der absoluten Spitze zu stehen – zumindest solange Punkte und nicht Tore die Tabelle determinieren. Sobald ein Stock in die Speichen gerät, fällt die Mannschaft auf den Bart. Wenn etwa die kreative Raute mit Frings, Özil, Hunt und Diego gestört wird, fehlt es an adäquaten Spielalternativen. Hoch ordnungsmotivierte Spieler wie Mertesacker, Pasanen, Baumann oder Jensen werden keine spontanen oder rettenden Impulse setzen können.
Wenn die Bremer nicht immer wieder mit frischen Ideen á la Özil auftrumpfen, werden sie mit ihrer Melange aus Kreativität und Prozessroutine vermutlich nicht öfter Pokale in den Händen halten als die holländische Nationalelf, denen auch alle zwei Jahre Tore wichtiger als Punkte sind.
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Quelle: http://11freunde.de/bundesligen/114713/das_oranje-syndrom
Markus Brand ist Sport- und Managementpsychologe und leitet das »Institut für Lebensmotive« in Köln.